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TU Ilmenau und die Burschenschaften.

Juni 26, 2012 by Tino Seeber

Offener Brief an die Hochschulleitung und die Studentenvertretung der TU Ilmenau

Technische Universität Ilmenau
Der Rektor
Ehrenbergstraße 29
98693 Ilmenau

Studierendenrat der Technischen Universität Ilmenau
Max-Planck-Ring 7 (Haus A, Raum 013, im Keller)
98693 Ilmenau

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Studierende,

ich bin meiner Alma Mater nach wie vor sehr verbunden und unterstütze diese in vielen Bereichen. Jedoch musste ich bei einem meiner letzten Besuche mit großem Bedauern feststellen, dass die TU Ilmenau scheinbar nichts gelernt hat und noch immer Burschenschaften unterstützt, ja gar hofiert. An wohl keiner Universität ist es möglich, dass eine Burschenschaft ihre “Devotionalien” prominent und dauerhaft in einem Schaukasten im Foyer des Audimax austellen darf. Mit meinem demoktarischen Verständnis und das vieler Studierenden der TU Ilmenau sind die Ideologien dieser Verbindungen nicht vereinbar:

Fast alle Verbindungen schließen Frauen aus. Auch teilen sie ihre verhängnisvolle Geschichte, die durch Nationalismus, Militarismus und Antisemitismus geprägt ist. Dem entspricht eine lokal wie überregional institutionalisierte Zusammenarbeit zwischen den Verbänden. Verschiedene Studentenverbindungen berufen sich auf völkische Grundsätze.

- Studentenverbindungen in Deutschland

Hier fehlt jede kritische Auseinandersetzung. Welches Geistes Kind die eiwiggestrigen Burschenschaften sind, sollte mittlerweile auch in Ilmenau angekommen sein. Hat man denn gar nichts gelernt?

Dass man sich 2006/2007 noch die offizuelle Erstsemesterparty u.a. von einer Burschanschaft hat sponsorn lassen mag blauäugig gewesen sein. Dass man nichts von rechten Tendenzen der deutschen Burschanschaften wusste vielleicht grob fahrlässig. Dass der Rektor einem Studenten kurz vor seinem Diplom mit der Exmatrikulation drohte, weil er über die engen Beziehungen der TU Ilmenau mit der dort ansässigen Burschenschaft berichtete, mag äußerst selbstredend gewesen sein. Dass einige Studenten (Burschanschafter?) jenem Studenten mit Körperverletzung drohten war dann eine Angelegenheit für die Kriminalpolizei.

Allein gelernt hat man scheinbar nicht daraus.

Soraya Quani: “Die Werte, für die Verbindungen stehen, werden leider als falsche Reaktion auf die Krise auch von großen Teilen der Bevölkerung unhinterfragt übernommen. Der Ruf nach politischer Führung wird lauter. Ein Grund mehr für uns, diesem reaktionären Konsens immer wieder die Forderung nach einem selbstbestimmten, guten Leben für alle entgegenzusetzen.”

Quelle

Dabei sollte sich heute auch bis Ilmenau herumgesprochen haben, welches Gedankengut Burschenschafter verfolgen.

So etwas gehört nicht an eine demokratische freiheitliche Universität!

Während man an der TU Ilmenau die Burschanschaft hofiert zeigen andere Institutionen mehr demokratisches Verständnis:

Wie schon im vergangenen Jahr sollte auch in diesem Jahr ein Treffen aller Studentenverbindungen aus Hamburg stattfinden – daraus wurde jedoch nichts. Sowohl die Hamburger Handwerkskammer, als auch das Hotel InterContinental hatten in den vergangenen Tagen beschlossen, dass der Verbändekommers der „Vereinigung Hamburger Akademikerverbände“ (VHA), ein Treffen aller Studentenverbindungen aus Hamburg, nicht in Ihren Räumen stattfinden darf.

Zuvor hatte das Hamburger Bündnis gegen Rechts (HBgR) offenbar sehr erfolgreich in einem Offenen Brief beide Vermieter aufgefordert die Feierlichkeiten nicht zu dulden, für die Studentenverbindungen seit Wochen werben.

Auf der Seite von “Keine Stimme den Nazis” ist zum Hintergrund der Absage des Verbindungstreffens weiter nachzulesen:

Die Handwerkskammer erklärte, man sei, unabhängig von dem konkreten Vorfall, grundsätzlich für Veranstaltungen auf Basis der demokratischen Grundordnung offen. “Die Veranstaltung des Verbändekommerses passt nicht in diesen Kontext und findet bei uns nicht statt”, so Sprecherin Ina Diepold. Als die Korporierten ersatzweise in einem Hotel an der Alster feiern wollten, erklärte man auf Nachfrage “das Management des InterContinental Hamburg distanziert sich von jeglichen Veranstaltungen des Verbändekommers der ‘Vereinigung Hamburger Akademiker-Verbände’ (VHA).”

- ZEIT Blog

Bezeichnend auch das mangelnde demokratische Bewusstsein der Studentenvertretung an der TU Ilmenau. Keiner scheint sich an dem Geflecht Uni & Burschenschaft zu stören – anders z.B. an der Uni Köln, an vor den Burschenschaften gewarnt wird oder an der Goethe-Universität in Frankfurt, wo die Studentenvertreter offensiv gegen Burschanschaften vorgehen.

Asta-Sprecherin Nadia Sergan (Goethe Uni FFM) hat sich mit einem offenen Brief an den Uni-Präsident gewandt. Darin heißt es auch, der Asta wehrt sich gegen die “dummen Strömungen” von Studentenverbindungen.

Quelle

Auch die Bundeszentrale für politische Bildung bezieht eindeutig Stellung zu Burschenschaften:

“Die Neue Rechte (…) agiert in Form von Tagungen, kleinen Zirkeln, Zeitschriftenprojekten und sie hat ihre Basis in Burschenschaften an Hochschulen, in Redaktionen von Zeitungen wie “Junge Freiheit” und im Brücken-spektrum zwischen Rechtskonservatismus und Rechtsextremismus.”

- Bundeszentrale für politische Bildung

In Ilmenau hingegen scheint das Gegenteil der Fall: Die diesjährige Wahl zum Studentenrat fand u.a. in unmittelbarer Nähe zum “Schrein” der Burschenschaft statt. Diesen findet man im Foyer des Audimax im ersten Stock – einfach der Treppe folgen – man stößt direkt darauf. Statt wissenschaftlicher oder sportlicher Erfolge sind in den dortigen Schaukästen allein Schleppen, Hüte und sonstiges nationalistisches Brauchtum der anhängigen Burschenschaft ausgestellt.

Bitte beantworten Sie mir folgende Fragen:

Warum, liebe TU Ilmenau, ist das möglich? Mit welchem Recht darf eine Burschenschaft in den Räumen einer öffentlichen demokratischen Insitution für sich und ihre Ideologien werben? Fließt sogar Geld für die Möglichkeit der Burschenschaftswerbung in den Räumen der TU Ilmenau? Gibt es Verträge oder sonstige Abreden zwischen der Burschenschaft Baltia Gotia und der TU Ilmenau? Wenn ja, wie lauten diese?

Warum, liebe Studentenvertreter nehmt ihr das schweigend hin? Ich glaube und bin guter Hoffung, dass die Mehrzahl der Studierenden der TU Ilmenau den o.g. Ansichten und Ideologien der Burschenschaften widerspricht und weder sich noch ihre Universität in der Nähe von Burschenschaften sehen möchte. Auch bitte um Beantwortung folgender Frage: Wie viele Mitglieder des Studierendenrates (StuRa) sind Mitgleich einer Burschenschaft?

Warum, liebe Studentenvertreter duldet Ihr das? Eure Kollegen an anderen Universitäten sind da mutiger und aufgeklärter – hier nur ein Beispiel vom AStA Hamburg:

Der allgemeine Studierendenausschuss der Universität Hamburg (AStA) ruft an diesem Sonnabend unter dem Motto “Nationalismus raus aus den Köpfen” zu einer Demonstration gegen Burschenschaften (…) auf.

Quelle

… und ganz frisch vor wenigen Tagen:

Allgemeiner Studierendenausschuss bezieht klar Stellung gegen rechtes Gedankengut bei Burschenschaften

- AStA Hamburg

Als Alumni der TU Ilmenau schäme ich mich dafür!

Folgende Erklärung wurde vom Plenum des Bundesweiten Bildungsstreiks 2009 in Berlin beschlossen:

Das Projektbündnis Bildungsstreik 2009 lehnt jede Form von Sexismus, Nationalismus und Rassismus ab. Daraus folgt, daß Studentenverbindung jeder Couleur hier keinen Platz haben. Die Traditionen und Strukturen dienen der Reproduktion von Rassismus, Elitedenken, Diskriminierung und Sexismus. Ausdrückliches Ziel von Verbindungen ist die Schaffung und der Machterhalt gesellschaftlicher Eliten, so der ehemalige Innenminister der BRD Manfred Kanther: «Wir wollen auch weiterhin nationalgesinnte Menschen in alle führenden Berufe unserer Gesellschaft entsenden.» (Quelle: M. Kanther, 1990)

Ausschluß und öffentliche, strukturelle Diskriminerung von Frauen ist fester Bestandteil ihrer Ideologie. Dies wird u.A. durch Äußerungen wie: «Unser Burschenbrauchtum ist immer auf eine männliche Gruppe abgestimmt. Die menschliche Weltordnung ist auf das männliche ausgerichtet.» (Burschenschaftliche Blätter 1980) und «Corpsstudenten sind Männer, eine Integration des weiblichen Geschlechts würde als Fremdkörper wirken, einem Freundschaftsbund hinderlich.» (Deutsche Corpszeitung, 1983) belegt.

Zentraler Bestandteil des burschenschaftlichen Männlichkeitsideal ist Härte und Gewalt, sowohl gegen sich selbst, als auch gegen andere. Dies zeigt sich nicht nur in der Tradition Mensur, sondern beispielsweise auch im systematischen Einsatz von Alkohol zum Zwecke der Erziehung sowie in der hierarchischen Durchstrukturierung des ‘Hauses’.

Hieraus folgt, daß Mitgliedschaft oder Identifizierung mit den Zielen studentischer Verbindungen im Widerspruch zu unserem emanzipatorischen Politikverständnis stehen.

Quelle

Ich bitte um Ihre Stellungnahme und Beantwortung meiner gestellten Fragen bis zum 6.7.2012.

Mit freundlichen Grüßen

Tino Seeber

Noch Fragen?

- Deutsche Burschenschaft: Unvereinbarkeit mit der SPD
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- Aussteigerprojekt: Ich bin ein Bursche, holt mich hier raus
- Burschis raus! Verbidnungen kappen!
- ASTA Göttingen: Raus aus der Burschenschaft
- Burschanschaften: Nationalismus raus aus den Köpfen




4 Kommentare »

  1. bla sagt:

    Naja die Wahlen in Richtung der Burschenschaften zu rücken nur weil es das gleiche Gebäude ist, ist gewagt. Der Humboldbau ist doch einfach einzenrtaler Bau und die meisten Studenten kratzen sich bei dem Schaukasten der Burschenschaftler auch nur am Kopf und schütteln dann genau diesen.

  2. Tino Seeber sagt:

    Hi,

    genau das ist der Punkt – die Studierenden stehen vor diesen Schaukästen, wundern sich, aber sie machen nichts! Und das sollte sich ändern! Wollt Ihr an einer solchen Uni studieren, so so etwas ungefragt möglich ist?

    Was die Wahlen angeht: das hast du falsch verstanden. Ich meinte, diese fanden physisch in der Nähe der Schaukästen statt – nicht inhaltlich.

  3. martin sagt:

    Hey Tino,

    ich finde es gut, dass du mal den Finger in die Wunde legst! Nur wenn man die Leute drauf stößt, merken die, was für eine Scheiße (ist auch braun) da schläft. Mehr als Hetze gegen ihre Feinde machen sie auch nicht mehr. Zumindest sind sie nicht in demokratischen Gremien zu finden. Was nicht verwunderlich ist, wenn sie nicht mal bereit sind zu ehrlichen Gesprächen. Aber was immer vergessen wird: Wenn man Mitglied in einer Gemeinschaft mit Rechtsextremen ist, dann ist man zwar nicht per se ein Nazi, aber so schlimm kann man die ja dann nicht finden.

    mit solidarischen Grüßen

  4. Tino Seeber sagt:

    Hej Martin,

    danke für deine Unterstützung.

    Es ist jetzt an Euch, das Thema an die Studierenden und die Hochschulleitung zu tragen. Ich denke, die Mehrzahl der Studierenden, ist diesem braunen Sumpf kritisch gegenüber eingestellt und möchte nicht, dass Ihre Hochscule damit in Verbindung gebracht wird. Fragt also Eure Studentenvertrater und die Hochschulleitung, warum eine Burschenschaft derart eng mit der Hochscule und Ihrer Leitung verbunden ist, warum eien Burschenschaft Ihre “Sachen” in einer öffentlichen Hochscule ausstellen darf. Fließ gar Geld für die Möglichkeit, dort prominent ausgestellt werden zu können?

    Fragt das die Hochschulleitung und macht andere darauf aufmerksam.

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